Ein Plädoyer für die Geduld

30.11.2016

Der Mann ist ein Tausendsassa. Er war vor Ort schon Stadtrat für die Bündnisgrünen, Jugendclubchef in der Eisenbahnstraße, Leiter der Bahnhofsmission, Mitarbeiter beim Allgemeinen Sozialdienst der Stadt und Initiator vieler Projekte, die vor allem auf das Miteinander von behinderten und nichtbehinderten Kindern abzielten, wie etwa der Verein Mehrweg: der Leipziger Michael Oertel. Aktuell ist der 49-Jährige im Praxisreferat der HTWK-Fakultät Architektur und Sozialwissenschaften tätig. Vor allem ist er aber in den letzten Jahren auch als Autor und Fotograf unterwegs - und hat jetzt sein zweites Kinderbuch herausgegeben. "Helfe-Elfe Magda in den Rocky Mountains". Zauberhaft illustriert von der in Leipzig geborenen und mittlerweile - der Liebe wegen - im neuseeländischen Auckland lebenden Grafikerin Juliane Kuhnt.

Die beiden waren schon für Kinderbuch Nummer eins - "Helfe-Elfe Magda in Ostfriesland", erschienen 2010 - ein Gespann. Inspiriert hatte Oertel, Vater dreier Kinder, dessen jüngste, behinderte Tochter Magda. War darin die kleine gewitzte Helfe-Elfe ein rund um die Uhr fröhlich-himmlisches Wesen, das jedermann in brenzligen Lagen helfend zur Seite fliegt, benötigt sie im Folgebuch eher selbst Beistand. Sie sucht ihren ausgewanderten Lieblings-Wicht, schwirrt dafür sogar von ihrem Zauberwald am Zauberteich über den Ozean gen Rocky Mountains. Da angekommen, sind es vor allem zwei, die sie unterstützen: Eichhörnchen Bruno und der gleichfalls vor Ur-Zeiten ausgewanderte Tankstellenwärter Great Heiner. Letzteren tauften die Einheimischen so, weil er aus dem sächsischen "Großen-Hain" stammt. Great Heiner erinnert sich gern an Grußmutter Walburga. Deren Weisheit "Das braucht Zeit und du Geduld!" wird bei Magdas Wicht-Suche schon so etwas wie tröstendes Leitmotiv. "Wann auch immer: In der Ruhe liegt die Kraft. Und so findet die Helfe-Elfe vielleicht auch ihren Lieblings-Wicht.", lässt Oertel verschmitzt lächelnd für alle, die's noch nicht gelesen haben, den Ausgang der ganzen Geschichte offen.

Die wird nicht zuletzt mit einer fürs kindliche Verständnis klaren, bildhaften Sprache befördert; mit dem neugierigen Blick aus der Perspektive einer träumerischen Fabelwesenwelt auf die Menschenwelt, deren Zeitabläufe nach Uhren ticken, die Tankstellen haben und den Tieren Namen gaben. Und wo so Fragen aufgeschlagen werden "Was ist eine Tankstelle?" oder "Warum nannten sie die Eichhörnchen Eichhörnchen, wenn es doch gar kein Horn hat?"

"Mit dem Kinderbuch wirbt der Autor für Solidarität, für Zusammenhalt und dafür, sich Zeit zu nehmen und Geduld zu haben", heißt es in der Ankündigung. Was - wie hinzuzufügen ist - ohne den pädagogischen Zeigefinger gelingt. Und von daher das Buch auch lesenswert für alle macht, die den Kinderschuhen entwachsen und in die aufreibenden Mühlen des Alltagslebens geraten sind. Denn eine Botschaft heißt wohl auch: "Es lohnt sich im Leben, hier und da der Hektik abzusagen, abzuwarten, sich überraschen zu lassen. Es gibt Zufälle - es ist an jedem selbst, etwas aus ihnen zu machen!" Oertel, von der ursprünglichen Profession Kraftfahrzeugschlosser, Verwaltungsfachangstellter sowie diplomierter Sozialpädagoge (und überdies Familienfreundlichkeitspreisträger 2015, Courage-Preisträger 2012 und Agenda-Preisträger 2005), erfreut mit den Helfe-Elfe-Geschichten als Vorlesepate bereits junge Patienten auf der Intensivstation der Universitäts-Kinderklinik. Erstmals öffentlich vorgestellt wird das Buch, das - trotz schnuckligen Hochglanzpapieres einen schönen, stabileren Einband verdient hätte - allerdigns erst später. Erst am 8. Oktober um 17 Uhr im Kulturbetrieb "Wolkenschachlenkwal". ... Great Heiner würde sagen: "Das braucht Zeit und du Geduld!"

(Angelika Raulien, LVZ vom 27. Juli 2016)

 

 


Kategorie: Presse