Edgars Feiertage

04.12.2016

Lebendig, fröhlich, traurig - die Fotoschau von Multitalent Michael Oertel im Wiederitzscher Rathaus


Jedes Bild überrascht. Doch der Betrachter muss schon sehr genau hinschauen, um das Eigene der Fotos zu entdecken. Genau das möchte Michael Oertel, der mit seiner neuen Ausstellung "Edgars Feiertage!" Menschen berühren, öffnen, bewegen und nicht zuletzt einander näherbringen will. "Dank der technischen Möglichkeiten rückt die Welt immer näher zusammen. Zugleich aber scheinen sich die Menschen mehr und mehr voneinander zu entfernen." sagt der Fotograf, Autor und Sozialpädagoge. 

Wer ist nun dieser Edgar und um welche Feiertage geht's überhaupt? Edgar - den Namen hat der Künstler aus der Kindheit hinübergerettet in sein Dasein als Erwachsener. Aus der Zeit, als er mit Vorliebe Edgar Allan Poe las. Eine Reminiszenz also an die frühste Jugend. "Es ist eine Kunstfigur, die die Dinge des Lebens etwas anders sieht", erläutert Oertel. Und seine Feiertage - das sind ganz besondere, wie auch die Fotos besonders sind. So wird der Tag der Freundschaft mit Teddy-Bären und Puppen ins Bild gesetzt. Lustig auch der Umgang mit dem Welttoilettentag. Zu dem gibt's den schönen Spruch: "Zieh, wenn Du kannst".

Auf die Feiertage kam Oertel, als er nach einem Motto für seinen alljährlichen Kalender suchte. "Wir hatten da gerade den Tag des Kusses und so entstand die Idee, das Thema fotografisch umzusetzen," erzählt er. Doch es geht nicht nur humorvoll zu in der Reihe der Bilder: Lachen und Weinen liegen dicht beeinander. So befasst sich der 49-Jährige auch mit dem Tag der Suizidprävention. Zunächst erkennbar ein Mädchen auf einer Wiese. Erst beim näheren Hinsehen zeichnen sich im Hintergrund die Umrisse eines Grabsteins ab.

"Und wie steht es um unsere Vorurteile?" fragt der Fotograf. Ein hübsches, junges Mädchen strahlt den Betrachter an. Das soll wirklich der Tag der Menschen mit Behinderungen sein? Es ist Magdalena, 22 Jahre alt und Michael Oertels Tochter, schwerst behindert und dennoch ein fröhlicher junger Mensch. Seine ältere Tochter Theresa, nicht minder hübsch, macht den Tag des Linkshänders lebendig, ein roter Drahtesel - in Kopenhagen an einer Mauer entdeckt - den Tag des Fahrrades. Zum Tag der verlorenen Socke wird deren Beerdigung im Bild festgehalten.

Tochter Magdalena war es im Übrigen auch, die ihn zu seinen Geschichten über die "Helfe-Elfe" inspirierte. Obwohl sie selbst auf Hilfe angewiesen ist, liebe sie es, anderen Menschen zu helfen, sagt Oertel. Und "helfe" sei eines der wenigen Wörter, die Magdalena aussprechen kann. Daraus seien dann die Bücher über die Helfe-Elfe Magda entstanden, aus denen er in Kindergärten und Kinder-Krankenstationen vorliest.

Kunst und Kultur sind Oertel seit jeher wichtig. Er sang in der Kurrende, in einem Chor, lernte Konzertflöte, spielte viele Konzerte und auch Rundfunkaufnahmen, musizierte in einer Band, zeichnete und landete schließlich beim Schreiben und Fotografieren. Auch beruflich gibt die Biografie des Mitarbeiters an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur viel Spannendes her. Er versuchte, den Beruf des KfZ-Schlossers zu erlernen, wurde Verwaltungsfachangestellter und studierte dann Sozialpädagogik und -arbeit. Dazwischen lagen Staionen als Rohrschweißer, Hausmeister, Bürgerberater, Bestatter. Oertel engagierte sich in der Gewerkschaft, saß als Stadtrat in der Leipziger Ratsversammlung und gründete einen Verein für Kinder mit und ohne Behinderungen.

Im Gästebuch auf seiner Webseite wird ihm eine "Sucht nach Sinn und Unsinn und ein unaufhaltsamer Strom von Gefühlen" bescheinigt. "Wer dich als Mensch treffen durfte, ist hinterher lebendiger, frecher, froher und vielleicht sogar etwas getröstet", heißt es dort.

Die Ausstellung im Rathaus Wiederitzsch, Delitzscher Landstraße 55, vermittelt davon einen kleinen Eindruck - und das bis zum 20. Januar 2017.

(Andreas Richter, LVZ vom 2. Dezember 2016)

 


Kategorie: Presse