LVZ vom 4. August 2009

04.08.2009

Leipziger Michael Oertel kreiert seine erste Fotoschau zum Thema Armut – und erregt bereits international Interesse


 

Michael Oertel ist hier zu Lande wohl vielen ein Begriff: Der umtriebige Leipziger saß bereits für die Bündnisgrünen im Stadtrat, leitete früher auch mal die Bahnhofsmission, gründete und steht dem Mehrweg-Verein inklusive dessen Integrationsprojekt Mitspielzeugmuseum vor, das seit Jahren am Friedhofsweg viele kleine und große Besucher begrüßt. Am 13. August nun, um 19.30 Uhr, wird die erste Fotosausstellung des Sozialpädagogen in der Heilig-Kreuz-Kirche am Neustädter Markt eröffnet. Sie trägt den Titel: „Edgars Welt! Eine Liebeserklärung an die Armut, das Verrücktsein und dich!“

Die an der Kirchgemeinde angebundene Initiative Stadtteilakzent und der Fotograf wollen mit der Schau auf ein facettenreiches Thema, die Armut, aufmerksam machen. Den Blick weiten. „Armut hat ganz viele Gesichter, ist nicht automatisch mit Asozialität gleich zu setzen. Arme Menschen haben Ressourcen. Sie verdienen den gleichen Respekt, wie alle anderen Menschen auch. Und Armut darf nicht zu Ausgrenzung führten. Doch ist das möglich? Es lohnt sich, über diesen Fragen immer wieder neu ins Gespräch zu kommen. Und dazu soll die Ausstellung auch anregen“, so Oertel. Die Fotos zeigen (in schwarz-weiß oder sepia, teils auch mit farbigen Ausschnitten beziehungsweise einzeln hervorgehobenen Gegenständen) etwa ein Abbruchhaus mit darin – scheinbar – armen Menschen. Dazu sind einige Accessoires zu sehen. „Eine Leidenschaft des armen Menschen könnte also das Sammeln von Luftballons sein oder auch das Vorlesen, um Freude zu bereiten und Anerkennung zu erhalten“, so Oertel. Vorbehaltlos aufeinander zugehen, das sei hier die Überschrift. Jeder habe seine Defizite, aber eben auch ganz viele Fähigkeiten. Dies gelte es zu erkennen. Und so ist denn auch auf den Fotos (fast) nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Es lohnt sich zweimal, dreimal … hinzuschauen.

Dass Oertels Bildergalerie das Anliegen offenbar tatsächlich zu „transportieren“ vermag, beschert ihm jetzt zusätzlich ein Problem. „Ich suche händeringend alte Bettbezüge“, verrät er quasi hinter vorgehaltener Hand. Und seine Freunde sind auch schon eifrig am Sammeln. Denn Oertels Erstlings-Schau ist bereits international gefragt, so dass die Arbeiten bald schonend für die Transporte verpackt werden müssen. „Armut ist eben nicht nur bei uns ein Thema. Durch die Zusammenarbeit mit einem Verein für Obdachlosigkeit in Innsbruck gibt es von da den Wunsch, sie dort zu zeigen“, sagt Oertel. Und eigentlich müsste er noch hinzufügen, dass es inzwischen auch Anfragen beziehungsweise teils schon Termine aus Mailand, vom Deutschen Kulturinstitut in Tartu (Estland) sowie der Deutschen Sonntagsschule der Kirchgemeinde in der amerikanischen Partnerstadt Houston gibt. Nicht zuletzt ist die Oertel-Schau auch für den Sächsischen Kunstpreis für Demokratie und Toleranz nominiert, worüber Ende Oktober die Entscheidung fallen soll.

Zunächst einmal können die Arbeiten aber in Leipzig betrachtet werden. Die Vernissage am 13. August – laut Oertel ohne Sekt, aber mit spritzigen Redebeiträgen und feiner Musik – wird die Besucher der Galerie auf die Ausstellung und die Thematik einstimmen. Zu sehen ist die Schau dann am Montag, Donnerstag und Freitag jeweils von 10 bis 12 Uhr, sonntags nach dem Gottesdienst etwas von 10.30 bis 11.30 Uhr. Auch am 30. August zum Neustädter Frühstück (10.30 bis 14 Uhr) sowie am 12. September zur Nacht der offenen Kirchen (18 bis 22 Uhr) wird es Gelegenheit zum betrachten geben.

Übrigens: Die Fotos werden auch käuflich zu erwerben sein. „Das Geld“, so Oertel, „ist teils für neue Projekte, teils für ein Kind bestimmt, das in einer schwierigen finanziellen Situation lebt und für das ich die Patenschaft übernommen habe“.

Angelika Raulien


Kategorie: Presse