Reichtum abseits der Villa

04.06.2015

Lesung ... Der Leipziger Michael Oertel stellt "Edgars Welt" in Köthen vor. Das Buch ist eigentlich ein Projekt und eine ungewöhnliche Annäherung an das Thema Armut.


Das Buch, verriet Michael Oertel gleich zu Beginn seiner Lesung, habe er nicht selbst geschrieben. Und doch gäbe es "Edgars Welt" ohne den Leipziger nicht. "Eine Liebeserklärung an die Armut, das Verrücktsein und an dich", lautet der Titel des Werkes weiter, das Oertel und sein Mitleser Thomas Adler aus Dresden am Freitag am Rande des Sachsenanhalttages im Haus Erdmenger vorstellten. Eingeladen zu dieser "Andacht" hatte die Neue Fruchtbringende Gesellschaft und bot den Gästen einen "Kontrapunkt zum bunten Treiben", wie die Vorsitzende Uta Seewald-Heeg zusammenfaßte. 

 

Eine Andacht zu sehr philosophischen Fragen. "Was ist für sie Armut, Reichtum, Liebe?" Diese Fragen und die Antworten dazu lasen Oertel und Adler im Wechsel. "In Mülltonnen nach Essen zu suchen" oder "Krankheit, keine Freunde, keine Familie", waren Antworten auf die Frage zur Armut. "Reich ist, der gesund ist" oder "PS-starke Autos, Villa und Pool hat", lauteten Antworten auf die Frage nach dem Reichtum. Und Liebe war für den einen "ein erfundenes Gefühl der Frau" oder aber "das Schönste, was ein Mensch erfahren kann". Auch zwei Gedichte zum Thema Armut las Oertel vor.

 

Ergänzt wurden Fragen und Antworten von mehreren Musikstücken aus der Dose - beschwingt bis melancholisch, arrangiert mit Klavier, Geigen, Klarinette und Flöte. An einer Leinwand waren Bilder in Sepiatönen zu sehen. Das Motiv einer Frau, die auf der Straße lebt, und ihren Schlafplatz in mit Graffitti beschmierten Fabrikhallen hat.

 

Sie ist der Ausgangspunkt für diese Lesung mit Musik und Bildern. ...

 

... Er (Oertel) leitete damals die Bahnhofsmission. Täglich traf er Obdachlose und war beeindruckt von dem Reichtum, den diese im herkömmlichen Sinne Armen besaßen. ...

 

... Der Beginn eines besonderen Projektes. "Es haben mir Lehrer gesagt, so etwas müsse man in den Unterricht einbauen." schildert Oertel. Mit Berufsschülern entwickelte er Fragen für Interviews. ... Das Buch und die Bilder nahm er mit nach Prag, wo Schüler sich davon zu Musikstücken inspirieren liesen. Zu der Musik, wie in Erdmengers Salon zu hören war. Und auch die Gedichte sind in einem Schülerprojekt entstanden. Jugendliche in einer Privatschule im kanadischen Montreal haben sie geschrieben, nachdem Oertel mit ihnen über sein Buch gesprochen hatte. "Sie kannten Obdachlosigkeit nicht. Ich habe mich beim Projekt mit den Kindern auf den Boden gesetzt, dass kannten sie nicht." berichtet der Leipziger. 

 

Von diesen Erfahrungen berichtet Oertel bei seinem ersten Besuch in der kleinen Bachstadt, seinem Köthener Publikum, das von dem Thema und der Art der Aufbereitung sichtlich beeeindruckt war.

 

(Mitteldeutsche Zeitung 4. juni 2015)


Kategorie: Presse