Gedanken zur Ausstellung „Geraubte Kindheit“

13.07.2019

„Wir haben zusammen geweint, ich vor
Hunger, meine Mutter aus Mitleid mit mir.“

„Wenn man die Keksstücke zusammensetzte, dann ergab es immer etwas mehr.“

„Das war mehr, als ich ertragen konnte. Meine Kindheit ist mir geraubt worden.“

Sätze, mit denen sich heute über Achtzigjährige an ihre Kindheit erinnern. Eine Kindheit in Zeiten des Zweiten Weltkrieges, in Zeiten der Flucht und der Bombennächte. Bis heute können sie nur schwer Sirenengeheul ertragen, sehen in ihren Träumen noch immer die Ruinen aus denen Rauch aufsteigt.
Der kleine Ausstellungsraum im Kulturbetrieb WolkenSchachLenkWal ist an diesem frühsommerlichen Nachmittag am 23. Mai bis auf den letzten Platz gefüllt. Während im Hof noch fröhliches Kinderlachen erklingt, sich Freunde, Bekannte und Kulturinteressierte herzlich begrüßen, ist es jetzt mucksmäuschenstill. Die Gesprächsrunde, geleitet von Journalist Michael Zock, eröffnet die Ausstellung „Geraubte Kindheit – wenn Erwachsene Krieg spielen“. An seiner Seite Prof. Lieselotte Bieback-Diel, die den Initiator Michael Oertel mit ihrem Buch „Geraubte Kindheit“ dazu inspirierte, den Kriegskindern von damals ein Gesicht zu geben (Ortsblatt berichtete). An ihrer Seite Freya Eckhardt, die den amerikanischen Angriff auf Pearl Harbor und die erzwungene Flucht mit ihrer seit 1898 in Japan ansässigen Familie nach Deutschland erlebte, sowie Mitorganisatorin Katharina Roeber, deren Idee es war, Sätze wie anfangs erwähnt, auf Taschentücher zu drucken (Foto v. l. n. r.).

Taschentücher? Ja, weil sie Tränen trocknen – Tränen der Freude und des Leids. Einige davon, so Katharina Rober, sind sogar älter als die Kriegskinder – Erinnerungen an Eltern und Großeltern. Michael Oertel brachte sie auf seinen Reisen nach Russland, Frankreich und Deutschland ebenso mit wie Bilder aus alten Familienalben, Dokumente aus Archiven und natürlich seinen Aufnahmen, die er von den ehemaligen Kriegskindern gemacht hat.

20 Portraits werden in der Ausstellung gezeigt, sie sind allesamt in Schwarz-Weiß gehalten und zeigen Frauen wie Männer, die keineswegs hasserfüllt, sondern offen, gütig, manche sogar fröhlich in die Kamera schauen.
Dennoch schwebt ein einziger Satz über allen:
Ist all das Kriegsleid schon wieder vergessen?

Wie es scheint nicht, wie Bilder und Nachrichtigen tagtäglich in den Medien zeigen. Deshalb nimmt auch die Ausstellung Bezug auf Kriegskinder der jüngeren Vergangenheit:
Vietnam, Bosnien, Syrien.
Damit aber nicht genug. Deutschland investiert nach wie vor kräftig in die Rüstungsindustrie und liefert zudem militärische Ausrüstungen in zahlreiche kriegsführende Länder.
Ein erschreckendes Beispiel bringt Michael Oertel an diesem Nachmittag ins Gespräch. So stellt eine bayerische Firma Streumunition her, die wie Spielzeug aussieht, so aber bereits unermessliches Leid für Kinder und deren Familien brachte und noch bringt.
Da fragt man sich schon: „Was geht in den Köpfen der Mitarbeiter vor, wenn sie Bilder von verstümmelten Kindern sehen?“
Und plötzlich schieben sich dicke graue Wolken über den heiteren Frühlingshimmel …

Wer nicht die Augen vor alltäglichem Kriegsleid und -elend verschließen möchte, sollte sich die kleine, aber hochaktuelle Ausstellung ansehen, bevor sie auf Reisen geht.
Glücklicherweise ist das Interesse an diesem Leipziger Friedensprojekt groß – nicht nur in Deutschland. era


Kategorie: Presse