Geraubte Kindheit - Friedenspolitisches Bildungsprojekt und Fotoausstellung

16.01.2019

In Leipzig startet am 23. Mai eine Ausstellung mit Fotodokumentation um das Buch „Geraubte Kindheit – Kriegskinder aus vier Nationen erzählen”. Autorin und Herausgeberin des 2014 erschienenen Buches ist Liselotte Bieback-Diel, die Ausstellung dazu hat der Leipziger Künstler Michael Oertel konzipiert. Er arbeitet gegenwärtig an deren Umsetzung.

In seiner Studienzeit an der Evangelischen Hochschule Dresden begegnete Oertel der inzwischen emeritierten Professorin Bieback-Diel und lernte ihre Arbeit zu den Themen Kriegskinder und Kriegstraumata kennen. Die Themen haben ihn nicht mehr losgelassen. „,Geraubte Kindheit’ ist ein Buch voller Fakten, geschichtlicher Betrachtungen, Emotionen, voller Ängste, voller Leid, und dennoch auch voller Freude und Dankbarkeit, mit Weitsicht und Ausblick und mit jeder Menge Vergebung“, sagt Oertel. Bereits kurz nach Erscheinen des Buchs hatte er daher die Idee, die Texte, in denen 38 Kriegskinder über den 2. Weltkrieg, erlittene Traumata und deren Vererbung auf die nachfolgende Generation berichten, mit aktuellen Porträtfotos zu ergänzen.

Weitsicht und Vergebung erlebt

Da die 38 Kriegskinder aus vier Ländern stammen, fuhr Michael Oertel bereits ins französische Epinay-sur-Seine und nach Lomonossow in die Nähe von St. Petersburg. Eine Reise in den englischen Ort Rushmoor ist für dieses Jahr geplant. Bei den Orten handelt es sich um Partnerstädte von Oberursel, dem heutigen Wohnort von Bieback-Diel. Die Erfahrungsberichte von Oberurseler und Bebenseeer Bür­ger*innen bilden den deutschen Anteil der Ausstellung.

Oertel fotografierte die inzwischen hoch betagten Frauen und Männer, kam mit ihnen ins Gespräch, hörte ihre Erinnerungen, ihre teils mahnenden Worte und ihre Bereitschaft zur Vergebung. Daraus entwickelte er weitere Formen der öffentlichen Präsentation. Die von ihm konzipierte Ausstellung besteht im Kern aus den Porträtfotos, die mit je einem Zitat aus dem Buch untertitelt sind. Hinzu kommen Stapelpyramiden: eine mit reproduzierten Fotos der Befragten aus den Kindheitstagen, eine mit zwei Bildschirmen, auf denen Interviews mit den Kriegskindern und Kindern aus der heutigen Zeit zu sehen sind, und eine für gezielte Projektarbeit, die auf künstlerische Art die Fragilität des Friedens symbolisieren soll.

Zusätzlich entstehen didaktische Spiele, die es Kindern und Jugendlichen ermöglichen sollen, die Überlebensstrategien der Kriegskinder nachzuempfinden. Ein Schulprojekt für die Klassenstufen acht bis zehn für jeweils zehn Doppelstunden ist auch schon fertiggestellt. Darin will Oertel mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, um das Thema Krieg und Frieden aufzunehmen, vor allem aus den Erfahrungen heraus, die noch lebende Zeitzeugen vermitteln können. Außerdem hat ein Spieleentwickler ein Computerspiel kreiert, in dem die jungen Leute den Frieden erspielen.

So entsteht nicht nur eine Wanderausstellung zum Thema Kriegskinder, es ist ein umfangreiches friedenpolitisches Bildungsprojekt entstanden, mit dem Oertel nun an die Öffentlichkeit gehen will. Start ist am 23. Mai im WolkenSchachLenkWal, einem Kulturprojekt und Veranstaltungsort in Leipzig-Stötteritz unweit des Völkerschlachtdenkmals. Bei seinem Besuch im russischen Lomonossow im vergangenen Jahr hat Oertel bereits vereinbart, dass die Ausstellung im Sommer 2020 dort gezeigt werden soll.

Michael Oertel ist 1967 geboren und arbeitet als sozialpädagogischer Mitarbeiter an der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur. Er ist seit Jahren vielfältig engagiert, war Stadtrat in Leipzig, Betriebsrat, ist ver.di-Mitglied und im Verband deutscher Schriftsteller*innen dabei. Er hat auch in ver.di für das Thema um Krieg und Frieden Aufmerksamkeit gefunden. Nun will er die passende Unterstützung und Mitstreiterinnen und Mitstreiter finden, die mit ihm weiterdenken, anpacken beim Ausstellungsaufbau, die Umsetzung des Bildungsprojektes erweitern, koordinieren und finanzielle Hilfe ermöglichen können.

(B. Tragstorf)


Kategorie: Presse