traffix plus vom Februar 2010

12.07.2010

Durch wie viele Türen musst du gehen? Michael Oertel überlässt nichts dem Zufall


 

 

Michael Oertel, Jahrgang 1967, berät Frauen, die in eine missliche soziale Lage gekommen sind. Er fotografiert im Sonnenlicht, um die Schattenseitenzu zeigen. Er schreibt das "Tagebuch eines Depressiven" und hält alltagstaugliche Sprüche in A-5-Bändchen in kleiner Auflage für gute Freunde bereit. Seinen ersten Fotozyklus "Edgars Welt! Eine Liebeserklärung an die Armut, das Verrücktsein und Dich!" zeigte er mit viel  Herzklopfen in der Heilig-Kreuz-Kirche in Leipzig-Neustadt. Jetzt fanden diese Bilder im Sky-Dome in Wien großen Anklang, und sie machen sich bald auf den Weg nach Madrid.
Der Sozialpädagoge selbst versucht derweil, allein erziehenden Muttis zu helfen, oder widerborstige Jugendliche wieder auf einen geraden Weg zu bringen. In seiner Freizeit fotografiert er nicht nur, sondern produziert gerade ein Hörbuch für Kinder mit Geschichten, Geräuschen und Musik. Die Stimme für seine "Helfe-Elfe" Magda hat er lange nur als Vorstellung im Ohr, bis Sylvia seine Amtsräume betritt und ihm von ihrer gescheiterten Ehe,  und ihren Kindern erzählt. Beide Eltern lieben die Kinder, aber wie verhält man sich bei einer Trennung? Michael Oertel bleibt objektiv, schaut sich vor Ort um,  kommt mit den Betroffenen ins Gespräch und versucht zu vermitteln.  Vor allem für die Kinder muss das gewohnte Heim erhalten bleiben. Also setzt er sich für die "Mini-Familie" ein, und hat letztendlich auch die Traute zu gestehen: "Ich suche für mein Hörbuch eine Stimme und ein Modell für meine nächste Fotoserie."
MENSCH. TÜR. LEERE. ¬ Das Gedicht des lettischen Schriftstellers Anatols Imermanis hat ihn fasziniert, und seine Freunde bat er, ihm zum Geburtstag eine Tür zu schenken. Die ist ziemlich kompakt und inzwischen leuchtend ROT.
Dennoch schleppt er sie für einen Fototermin ins Grüne, macht erste Aufnahmen, um zu sehen, ob die Idee mit der Realität übereinstimmt.
Michael Oertel ist Autodidakt und überrascht, wie die aus seiner Sicht unbeholfen erscheinenden Zeilen und später auch Bilder von anderen Menschen aufgenommen und interpretiert werden. In der Fotoserie "Edgars Welt"  zeigt er beispielsweise eine junge Frau, die leere Flaschen in einem Einkaufskorb sammelt, die zwischen Pappkartons schläft und mit traurigem Blick ein Kind in den Arm nimmt ... Und da die junge Frau diese Augenblicke so oder  ähnlich selbst erfahren hat, kommen die Bilder ziemlich authentisch rüber. Keine Schminke, keine Retusche ¬ ungeschönt werden die Bilder gezeigt. Oertel ist Amateur und arbeitet ausschließlich mit Amateuren. Das spricht an.
Was aber will er selbst damit bezwecken? "Aufrütteln, zeigen, dass es im Alltag nicht nur eitel Sonnenschein gibt. Die Frauen und jungen Mädchen,  die ich durch meine Arbeit im Jugendamt kennen lerne, haben oft einen erschütternden Lebensweg hinter sich. Aber sie wollen kein Mitleid,  sie suchen Hilfe, um dem Schlamassel mit eigener Kraft zu entfliehen. Manchmal kann ich helfen, manchmal entscheiden sie sich anders. Es ist letztendlich ihre Entscheidung, ihr Weg." Der Sozialpädagoge,  Autor und Fotograf selbst hat seinen gefunden. "Es gibt keine Zufälle", ist er überzeugt. Eine Tür geht zu, eine andere auf. Und es macht neugierig, durch diese Tür zu treten und zu spüren, da draußen ist Leben, das auf mich wartet."
Im Herbst, so plant Oertel, will er zur  Vernissage "Edgars Mensch. Tür. Leere." einladen. Dann werden wir mehr über die Tür, über Sylvia und über neue Visionen erfahren. Zunächst sehen wir aber im Sommer  "Edgars  Welt mit Sofa!" im "Kowalski".


Elke Rath


Kategorie: Presse